Sascha Stoltenow war gestern als Gast auf der BARsession. Sein Thema ist „Beautiful War | Content-Strategien in Krieg, Krisen und Konflike“. Vor allem beschäftigt er sich dabei um Propaganda und zeigte eindrucksvoll wie die verschiedenen Seiten den Content für ihre Ideologien und Interessen ausspielt. Er zeigte erschreckende PR-Maßnahmen, Anwerbe-Videos von Armeen und Videos aus Gefechten.

Die Stimmung an dem Abend war einzigartig. Jedes Husten konnte vernommen werden. Die 120 Gäste klebten Sascha Stoltenow an den Lippen. An anderen Abenden gab es eine Quassel-Ecke, intensive Gespräche an der Bar und viele auf das Handy starrende Zuschauer. Doch gestern Abend schauten alle gespannt auf den Speaker und seine Präsentation.

Der 3-Parteien-Krieg

Im Krieg gibt es immer drei Parteien. Zwei Armeen und die Presse. Dazu kommen die Medien-Einheiten auf beiden Seiten. Bilder werden in Szene gesetzt, Videos mit Kindern gedreht und das ganze geht dann den Weg durch das Social Media.

Ich musste an dem Abend oft an meine ehemaligen Kameraden denken, die hier in Deutschland auf so viele Medien und Manipulationen reinfallen. Sie laufen PEGIDA hinterher, sind gegen Zuwanderung, teilen rechte Blogs, glauben an Verschwörungstheorien, wollen Griechenland aus Europa schmeißen und sind für die Rückkehr der D-Mark.

Reihenweise haben sie seit 2008 meine Freundesliste bei Facebook wieder verlassen. Mit einigen hatte ich damals eine gute Zeit, aber einige nur durch meine Präsenz im Geschäftszimmer in der Liste.

Sascha Stoltenow hat sich gestern mit der Kritik an der Bundeswehr zurückgehalten, aber ich will endlich mal meinen Senf zu dem Thema geben.

Kurz zu meiner Laufbahn bei der Bundeswehr: Nach meiner Grundausbildung habe ich 20 Monate im Kompanieführungstrupp gearbeitet. Ich stand am Tresen im Geschäftszimmer und habe dem Kompaniefeldwebel zugearbeitet. Das Geschäftszimmer ist eng mit dem Büro des Kompaniechefs verbunden, so dass ich eigentlich das komplette Kompanieleben mitbekam.

Politische Bildung bei der Bundeswehr

Ich habe oft mitbekommen, dass Unteroffiziere zu politischen Bildungen geschickt wurden. Eine Mischung aus Stadtführungen, Vorträgen und viel Party. Für die Dienstgrade darunter gab es sowas nicht. In der Grundausbildung bestand die politische Bildung aus der Betrachtung einer Liste von verbotenen nationalsozialistischen Symbolen. In einer Kaserne gibt es ein Berufsförderungszentrum. Dort werden verschiedene Weiterbildungen angeboten, die zum Teil mit zustehendem Sonderurlaub während oder in der Freizeit nach der Dienstzeit besucht werden können. Ich habe während meiner 20 Monate um die 10 Weiterbildungen machen können und meinen kompletten Jahresurlaub dafür verbraucht. Dafür konnte sich mein Lebenslauf nach der Zeit sehen lassen und ich habe eine Menge mitnehmen können. Über diese Möglichkeiten wurden die Soldaten zwar informiert, aber niemand sagte ihnen wie wichtig solch eine Weiterbildung ist. Ich übernahm diese Rolle als ich neue Kameraden durch die Kaserne führte. Vor allem der Sonderurlaub sollte für eine Weiterbildung genutzt werden, doch als Ober- und Hauptgefreiter saß ich meist mit Unteroffizieren alleine in den Seminaren.

Auch hier fehlte eine Aufklärung und ein Bemühen die jungen Männer auszubilden. Zwar fehlte bei vielen die Bereitschaft, doch Unterricht sollte bei dem Wehrdienst mit auf dem Dienstplan. Immerhin werden sie zu Soldaten ausgebildet, aber lernen den Krieg erst kennen, wenn sie kurz vor dem Auslandseinsatz stehen. Bis dahin stempeln sie Dokumente, verlegen als Fernmelder die Kabel oder spielen Playststion in einer Halle voller Fahrzeuge, die aus Langeweile gewartet wurden. So viel verschwendete Lebenszeit pro Tag.

Eigentlich sollte dieser Artikel nur „Meine Lieblingsgeschichte aus meiner Bundeswehr-Zeit“ heißen, doch ich habe mich da etwas in Rage geschrieben. Sascha Stoltenow hat gezeigt, welche Bilder bei Soldaten und uns Zivilisten wirken, doch gerade Soldaten gehören, ab dem Eintritt in die Bundeswehr, wesentlich besser auf die wirkliche Zeit vorbereitet.

Zum Abschluss noch weitere Tweets zu dem gestrigen Abend mit beeindruckenden Reaktionen auf den Vortrag:

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